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Globetrottertreffen: „Durchplanen von A-Z ist ein Anfängerfehler!“


Reportage vom Besuch beim 40. Sommertreffen in Hachenburg des dzg, der Deutschen Zentrale für Globetrotter e.V., 1974 - 2014

 

Das 40jährige Jubiläum vom 2.-7. Juli 2014 hat uns angelockt. Auf Empfehlung von Ländersammlerin Nina Sedano möchten wir nun mitten in Deutschland authentische Globetrotter-Luft schnuppern. Hier, auf einer großen Wiese „vor der Heck“ oberhalb der Stadt Hachenburg treffen sie sich. Die Zufahrt ist ausgeschildert, die Organisation professionell. Da wird ausdauernd geplaudert, es werden Erfahrungen, Erlebnisse und aktuelle Informationen ausgetauscht, Reisepartner gefunden, Kontakte gepflegt und neue geknüpft. Jeder ist willkommen, ob mit dem Fahrrad, zu Fuß, mit Zelt, Allradfahrzeug, Motorrad, Wohnmobil, Kanu oder öffentlichen Verkehrsmitteln - wer gerne die Welt entdeckt, findet hier Gleichgesinnte! „Reisen kann ich ohne Verein“ erfahren wir, es ist einfach die Community, die fasziniert. Ein umfangreiches Programm mit Vorträgen, Wanderungen, Lagerfeuer und Workshops rundet das Treffen in jeder Hinsicht ab.

 

Wegweiser  gutorganisiert  Willko

 

Inhaltsverzeichnis

 

Herausfordernde Aufgabe: Definiere typischen Globetrotter

Richtige Trends gibt es heute nicht mehr – alles ist möglich!

Geld ist leider oft Tabuthema

40 Jahre Deutsche Zentrale für Globetrotter e. V.

Hafen fürs Fernweh

Reisen, so wie wir es tun, ist Arbeit!

Globetrotter-Trilogie


Herausfordernde Aufgabe: Definiere typischen Globetrotter

Manche kennen sich seit Jahren, gerne wird der Besuch des Sommertreffens fest in den Terminplan zwischen zwei Auslandsaufenthalten geplant. Den Begriff des Globetrotters einheitlich zu definieren, fällt jedoch extrem schwer. Festangestellte mit ausgeprägter Reiseaffinität nutzen jede sich bietende Gelegenheit mit Urlaubs- und Gleitzeittagen, um sich ihren persönlichen Traum vom Reisen rund um den Erdball zu erfüllen. Jonson, der weit über die Landesgrenzen bekannt ist, lebt seit fast 33 Jahren mobil „On The Road / München. Irgendwo in Bayern, oder auf Tour”. Er sagt selbst über sich: „Wenn ich unterwegs bin, und das ist andauernd, wohne ich frei und autark in einem als Wohnung ausgebauten 3,5 Tonnen Kühlanhänger. Meistens habe ich mehr als 300 verschiedene Schlafplätze in einem Jahr.“ Wir lernen ein weltreisendes Ehepaar aus Süddeutschland kennen. Im besten Alter Mitte 50 haben sie alles verkauft und waren gleich mehrere Jahre im Expeditionsmobil auf allen Kontinenten unterwegs.

Fahrradfahrerin Petra aus Worms erzählt begeistert von ihren Touren u.a. im Oman und in Kolumbien, Länder, die sie während ihres Jahresurlaubs durchradelt hat. Einfach Fahrrad in den Flieger, Rucksack dazu, Schmuck zuhause lassen, immer nur soviel Geld in der Hosentasche wie nötig und mit kleinem Budget das Land erkunden. Fotograf Jürgen, genannt Jük, warf mit 27 seinen Job hin, gab seiner Sehnsucht nach fremden Ländern nach, um sich selbst zu finden. Heute lebt er idyllisch im Odenwald, packt aber immer wieder gerne seinen Tagesrucksack und bereist auf eigene Faust Asien, insbesondere Japan hat es ihm angetan. Sein Geld verdient der 54-jährige u.a. als Reisefotograf, sein Haus im Odenwald steht Globetrottern der ganzen Welt offen.

Dieter ist wie Petra ebenfalls festangestellt, aber trotzdem Backpacker aus Leidenschaft. Von A nach B reist er stets mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Am liebsten ist er in Afrika unterwegs. Christel plant gerade ihre diesjährige Überwinterer-Auszeit. Marokko mit dem Wohnmobil und Thailand auf den Spuren der Senioren hat sie bereits hinter sich.

So hat jeder sein persönliches Lieblingsland, seine Reisestrategie und sein Wohlfühlreisetempo. Der gemeinsame Nenner ist das Reisen. Wir lernen auch hier, überwiegend sind es Alleinreisende oder Paare, Gruppen sind ganz selten lange gemeinsam unterwegs. Vielreisende, wie sie sich selbst nennen, entwickeln eine gewisse Routine, sich abseits der Touristenrouten schnell zurecht zu finden, egal in welchem Land. Doch das Reisefieber, das Prickeln und die Vorfreude bleiben! Manchmal sind es auch einfach Lebensphasen, die einen zum Reisenden werden lassen. So steigen Familien mit Kleinkindern plötzlich für ein/zwei Jahre aus, die Zielgruppe 50plus sucht endlich ihre Freiheit und findet im Reisen die Erfüllung lange verdrängter Sehnsüchte.

 

Jonson  ChristelDieterPetraJrgen  Gesamteindruck
Globetrotter Jonson // Im Gespräch mit Christel, Dieter, Petra, Jürgen // Treffen in freier Natur

 

Richtige Trends gibt es heute nicht mehr – alles ist möglich!

Detlef, bei der Vereinszeitschrift "Der Trotter" für die Bildredaktion zuständig und natürlich ebenfalls weitgereister Globetrotter, erklärt uns die Beweggründe aus seiner Sicht: Es gibt hier die Gruppen derer, die in den 70er/80er Jahren viel gereist sind und sich heute „nur“ noch zugehörig fühlen und ihre Erfahrungen gerne weitergeben. Dann gibt es Menschen, die die Zeit eines Sabbaticals nutzen oder sogar gut situiert den Job beenden und „einfach mal für zwei bis drei Jahre abhauen“. In den letzten Jahren finden sich verstärkt allein reisende Frauen fortgeschrittenen Alters, die eigenständig wie selbstbewusst ihre Reiseziele verfolgen. Sei es, weil der Partner verstorben ist oder einfach weder Zeit noch Lust zum Reisen hat. Richtige Trends gibt es heute nicht mehr – alles ist möglich! Einzig sich verändernde politische Lagen oder Reisebeschränkungen einzelner Länder beeinflussen die Reisewege und -ziele.

Auch Sonja ist stark engagiert und organisiert ein eigenes, jährlich stattfindendes Globetrotter-Treffen am Niederrhein. Sie stimmt Detlef zu. Wenn jemand aufhört zu reisen, dann sind es meistens gesundheitliche Gründe, die Verbundenheit zum Verein jedoch bleibt. Beide bestätigen uns: Alle reisen aus Leidenschaft, die Menschen sind jedoch alle verschieden, die Schnittmenge ist der Verein.

Geld ist leider oft Tabuthema

Interessant wird es wie immer beim Thema Geld und doch erlaubt uns Detlef einen informativen Einblick. „Geld ist leider oft Tabuthema!“ Klar, der klassische Angestellte verdient sein Geld das ganze Jahr und gönnt sich so seine Reisen. Beamte finanzieren sich gerne durch das Angebot eines Sabbatjahres ihre Auszeit, Freiberufler und Selbstständige schaffen sich Lücken oder arbeiten einfach unterwegs. Wer es sich leisten kann und will, verkauft sein Unternehmen und lebt vom erzielten Erlös.

Gemeinsam aber habe viele, dass sie bewusst Prioritäten bei den persönlichen Ausgaben und den Kosten zuhause setzen. Hier ist weniger einfach mehr! Und die erste Priorität hat stets das Reisen – dafür werden viele Ausgaben hinten angestellt bzw. erst gar nicht getätigt. Man reduziert sich und seine Kosten auf das Wesentliche und damit auf ein Minimum, um das große Ziel zu finanzieren! Das wahre Leben als Globetrotter muss nämlich nicht teuer sein, da man selbst wochenlange Reisen finanziell überschaubar gestalten kann, indem man sich selbst versorgt, in Hostels oder im Zelt übernachtet und zur An- und Abreise Billigflugangebote nutzt. Also alles rein rechnerisch nicht vergleichbar mit einem zweiwöchigen Hochsaison-Pauschalurlaub "all inclusive" im 5-Sterne-Resort.

 

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Detlef Bösche // Impressionen aus Hachenburg: Wetter ist, was man daraus macht!

 

40 Jahre Deutsche Zentrale für Globetrotter e. V.

Für einige Tage ist Hachenburg der Nabel der Globetrotter-Welt. Doch begonnen hat alles bereits vor 40 Jahren. Seit 2004 ist Norbert Lüdtke erster Vorsitzender des Vereins. Lächelnd wie gelassen erzählt er uns „Es hat sich alles und doch nichts verändert!“ Die Treffen stillen das konstante Bedürfnis nach Begegnung. Wer sich mit seiner Neugierde nach fremden Ländern und Kulturen sowie seiner Reiselust ernst genommen fühlen will, sucht den Austausch auf Augenhöhe. Dies ist hier mit Gleichgesinnten möglich. Man muss einander begegnen, um diese Vertrautheit verwandter Seelen zu fühlen. Denn vielfach werden Globetrotter leider auch heute noch als „bunter Hund“ in der Gesellschaft wahrgenommen und entsprechend ausgegrenzt oder im besten Fall nur belächelt. Solche Menschen fallen ihrer Umgebung auf, es sind „bunte Vögel“ zwischen grauen Tauben. Doch sie suchen authentische Erfahrung, ungedämpft und direkt. So dienen die Treffen der Kommunikation und des gemeinsamen Austauschs – die Reisen hingegen finden meistens individuell statt.

Viele Globetrotter sind Minimalisten mit Improvisationstalent, pendeln zwischen Genuss und Verzicht, passen sich anderen Umgebungen, anderen Menschen an. In New York oder im tibetischen Grenzdorf, bei Nomaden oder arabischen Händlern ist es ihnen ein Vergnügen, sich zurechtzufinden. Pleite, das Gepäck im falschen Flugzeug, krank, die Papiere unleserlich, vor geschlossenen Grenzen: Je unbekannter die Umgebung, je kniffliger die Aufgabe, desto befriedigter genießen sie die Lösung. Diesen Experten in lebenspraktischer Selbstbehauptung ist das Reisen in großen Lebensabschnitten wichtiger als alles andere. Diese Erfahrung prägt ihre Persönlichkeit auch in anderen Bereichen. Globetrotter sind immer unterwegs, auch wenn sie nicht reisen.

 

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Norbert Lüdtke // dzg-Sommertreffen damals (1975) und heute

 

Hafen fürs Fernweh

Mit der Neugründung des Clubs durch erfahrene Globetrotter 1974 sollte ein Hafen fürs Fernweh geschaffen werden. Bereits die Satzung reduzierte diesen Anspruch auf nüchterne Ziele: Informationen sammeln und weitergeben; Reisepartner suchen, sich bei der Vorbereitung von Fernreisen unterstützen, nach großen Reisen die Wiedereingliederung in die Gesellschaft erleichtern, dem völkerverbindenden Gedanken dienen. Auch heute sind die Satzungsziele gleich geblieben, erläutert Norbert Lüdtke. Man fühlt sich innerhalb der Gemeinschaft nach wie vor verstanden und trifft stets auf Gleichgesinnte, die die „richtigen“ Fragen stellen.

Geändert haben sich mit der Zeit die Schwerpunkte: Stand zu Beginn die Notwendigkeit des Informationsaustauschs im Vordergrund, verlor dieser in den Jahren durch den stark wachsenden Reiseführermarkt. Seit 15 Jahren verändert zudem das Internet den Umgang mit Informationen, darüber hinaus hat die Qualität gedruckter Reiseführer ihren Höhepunkt in den neunziger Jahren überschritten, so Lüdtke. Zugleich ist die Qualität der Informationen in Foren, Blogs und Webseiten nicht messbar. Dies führt erneut dazu, gibt der Erste Vorsitzende preis, dass der persönliche Informationsaustausch wieder an Bedeutung gewinnt – sofern Authentizität als Wert geschätzt wird. Dass wir von LEBENSDOMIZILE WELTWEIT dies gerne hören, ist klar, legen doch auch wir mit unseren authentischen Reisereportagen der selbstbesuchten Länder unsere Qualitätsmesslatte extrem hoch.

Reisen, so wie wir es tun, ist Arbeit!

Über viele Jahre stand ebenso im Vordergrund: Globetrotter schreiben für Globetrotter. Die Club-Zeitschrift „Der Trotter“ ist (außer Merian) die älteste noch erscheinende Reise-Zeitschrift seit 1975. Zudem entstand 1998 aus den Loseblattsammlungen der 80er Jahre das Standardwerk Selbstreisehandbuch in zwei Bänden, zuletzt erschienen als Weltreise-Handbuch und Outdoor-Handbuch. Zustimmend nickend und zugleich lächelnd notieren wir für unsere Reportage auch diesen Satz von Friedemann von Engel, einem der Gründer, der bereits 1974 verbittert meinte: „Wer ein paar Jahre so herumgegurkt ist und für diese Zeit keine Lohnsteuerkarte vorweisen kann, wird schlichtweg als Gammler abgetan. Aber reisen, so wie wir es tun, ist Arbeit!“

So verrät uns der Erste Vorsitzende gleich noch etwas: Einige der Manager, Minister oder Geschäftsführer von heute könnten wohl die „Gammler“ von gestern sein. Denn sie verraten sich stets am Glänzen in den Augen und dem Wunsch, „das irgendwann wieder machen zu wollen“. Alternativ werden heute nach einem geordneten Berufsleben die Rollen ebenso gerne getauscht.

Wie gesellschaftlich die wundersame Wandlung vollzogen wird, zeigt sich auch bei der heutigen Generation "Praktikum", deren Reisen gerne als Einstieg in globalisierte Arbeitsformen gewertet werden. Der Rucksack steht für Mobilität, das Bewältigen von Reisesituationen zeigt die Organisationsfähigkeit, selbst Flexibilität, interkulturelle Kompetenz und Teamfähigkeit werden durch Reisesituationen definiert und als Schlüsselqualifikationen für den Arbeitsmarkt gewertet.

Bei Kaffee und Keksen könnten wir noch stundenlang philosophieren, diskutieren, uns austauschen und seitenweise unseren Nozizblock voll schreiben. Doch irgendwann müssen auch wir wieder weiter, bereichert mit dem beruhigenden Gefühl, hier Gleichgesinnte getroffen zu haben, die die gleiche Sprache sprechen und die richtigen Fragen stellen!

Zudem nehmen wir mit, dass das Durchplanen einer langen Reise von A-Z ein Anfängerfehler ist. Eine Grundstruktur oder feste Termine und Orte sollten natürlich vorhanden sein. Und als Reisender lernt man außerdem, immer weniger Ängste zu haben bzw. mit diesen Befürchtungen umzugehen.

Und für alle, die nun ebenfalls Lust aufs Globetrotterdasein bekommen haben: https://www.globetrotter.org/

 

Globetrotter-Trilogie

Mit dieser Veröffentlichung vervollständigen wir unsere Globetrotter-Trilogie, die mit dem Interview Nina Sedanos als Teil 1 begann und mit der Reportage von der Abenteuer & Allrad als Teil 2 ebenso wichtige wie informative Hinweise und Orientierungshilfen aus verschiedenen Blickwinkeln liefert.

 

Teil 1 der Globetrotter-Trilogie:
Exklusiv-Interview mit Nina Sedano – Die Ländersammlerin
Zum Beitrag

Teil 2 der Globetrotter-Trilogie:
Lebensträume jetzt erfüllen – Einstieg der Zielgruppe 50plus ins Globetrotterdasein

Reportage von der Abenteuer & Allrad – Europas größter Off-Road-Messe in Bad Kissingen
Zum Beitrag

 

Wir bedanken uns bei all unseren Gesprächspartnern für die offenen Worte, für die erhaltenen Einblicke in ihr Leben, ihre Gefühle, ihre Sehnsüchte und ihre Denkweisen und wünschen allen Globetrottern auf dem Erdball stets hilfreiche Menschen, eine gesunde Reise oder Rückkehr in ihren persönlichen Heimathafen!


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Text:   Petra Lupp / LEBENSDOMIZILE WELTWEIT
Fotos: Martin Klug / LEBENSDOMIZILE WELTWEIT