Trauer - ein Tabuthema?!

on Donnerstag, 21 März 2019. Posted in Lebensdomizile weltweit - Blog

TrauerBlogfoto2Anlässlich des Tages „Alle reden über Trauer 2019“ am 25. März, initiiert von Silke Szymura, hat LEBENSDOMIZILE WELTWEIT die Gefühlsdolmetscherin Marlis Lamers zum Thema Trauer und Emotionen befragt und interessante Antworten erhalten.



LW:
Welche Emotionen erwarte ich als Nicht-Trauernder beim Trauernden? Welche sehe ich tatsächlich?

Marlis Lamers: Einen Verlust erlitten zu haben, egal ob es ein Mensch, ein Tier oder ein geliebter Gegenstand ist, macht uns traurig.

Traurigkeit zeigt sich in einer schlaffen Körperhaltung, einer leisen Stimme, wenigen Worten und vielleicht sogar Tränen. Die Mimik drückt sich in herabgezogenen Mundwinkeln und zusammengezogenen Innenaugenbrauen aus. Der ganze Mensch scheint in sich zusammengefallen zu sein. Alles zieht ihn „nach unten“.

LW: Und wie reagieren wir als Nicht-Trauernde dann darauf?

Marlis Lamers: Wir spiegeln diese Wahrnehmung und empfinden augenblicklich Mitgefühl, im schlimmsten Fall Mitleid. Innerhalb von Sekunden können wir das Gefühl des Gegenübers nachvollziehen, mitspüren. Wir wollen helfen, trösten, können die Tränen des Anderen schwer aushalten, wollen, daß es aufhört. Werden vielleicht ungeduldig und wenden uns ab, wenn die Trauer lange dauert, für unser Empfinden zu lang.

LW: Das ist interessant. Früher gab es Vorgaben wie „Ein Jahr lang trauern und schwarz tragen.“ Wie ist das heute?

Marlis Lamers: Es gibt keine Definition, die klärt, wie lange Trauer dauern darf. Aber es gibt auch Menschen, die trotz ihrer Trauer lachen, wütend sind oder plötzlich ungeahnte Kräfte entwickeln. Sie wirken nicht leidvoll, sie lösen in uns Unsicherheit und auch Unverständnis aus, denn wir sind darauf sozialisiert, daß man bei einer traurigen Erfahrung auch trauert. Und dieses Gefühl hat mit den oben beschriebenen äußeren Anzeichen deutlich zu werden!

MarlisLamersBlog

Marlis Lamers, Die Gefühlsdolmetscherin, www.kommunikation-wortlos.de


LW:
Echte, ehrliche Gefühle zu zeigen scheint noch immer ein Tabu. Wie blicke ich als Außenstehender eigentlich dahinter – also ins Innere? Was ist echt, was ist sozialisiert, also durch Kindheit und Jugend antrainiert?

Marlis Lamers: Lächeln ist eine der am häufigsten genutzten Masken. Dahinter verbirgt sich häufig Ärger oder Trauer. Wir leben in der westlichen Welt in einer „Schamkultur“. Wir schämen uns, Gefühle zu zeigen, das Innere nach außen sichtbar zu machen. Es geht Niemanden etwas an, wie wir fühlen, was wir fühlen. Aber, ein Gefühl, das unterdrückt wird, geht in den Keller und übt Gewichtheben! Dieser unterdrückte Schmerz wird immer übermächtiger und der innere Druck immer größer. Irgendwann sucht er sich dann mit aller Macht einen Weg nach draußen: Der Mensch wird lange Zeit später in einer völlig unverfänglichen Situation wütend oder lacht an den falschen Stellen oder es kommen die entlastenden Tränen in einer eigentlich entspannten Lage.

Das eindeutige mimische Merkmal für Trauer ist das gleichzeitige Aufziehen der inneren Augenbrauen. Die abgesenkten Mundwinkel können sein, müssen aber nicht. Es gibt auch Menschen, die die Mundwinkel ständig herabziehen, z.B. Angela Merkel.

LW: Einfach zu bewältigen ist es für das Umfeld des Trauernden aber nicht. Gibt es trotzdem Möglichkeiten, Emotionen zu deuten?

Marlis Lamers: Wir kennen 12 Primäremotionen, von denen 11 kulturübergreifend gleich sind. Freude, Trauer, Ärger, Überraschung, Verachtung, Angst und Ekel sind Emotionen, die durch zuverlässige muskuläre Bewegungen im Gesicht zu erkennen sind.

Scham, Interesse, Liebe und Stolz gehören zu den Basisemotionen und unterscheiden sich nur durch die verschiedene Kopfhaltung.

Schuld ist auch an der Neigung des Kopfes zu erkennen. Es ist noch nicht abschließend geklärt, ob diese Expression ebenfalls kulturübergreifend gleich ist.

Die beschriebenen Emotionen drücken sich in sehr schnellen, mimischen Bewegungen zwischen 40 und 500 Millisekunden aus. Sie sind nicht steuerbar und zeigen sich bei Geburtsblinden in der gleichen Ausprägung wie bei Sehenden.

Alle diese Emotionen treten auch bei trauernden Menschen auf, manchmal unterwartet und häufig nicht wahrgenommen oder erkannt. Achten Sie auf die Augenbrauen. Sind diese nach oben zusammen gezogen, bilden so eine Art „Schornstein“, können Sie davon ausgehen, dass der Mensch Trauer empfindet. Allerdings wissen Sie nie, warum er so empfindet. Entweder weil er in dem Moment den aktuellen Verlust tatsächlich spürt. Oder aber ihm schießt ein Gedanke durch den Kopf, der mit der momentanen Situation direkt nichts zu tun hat.

LW: Genaues Beobachten ist da wohl Pflicht. Gibt es weitere Signale?

Marlis Lamers: Ja, die Einwandsignale. Manchmal sind es die kleinen, feinen Signale, die auf einen Einwand hinweisen. Das können die geschürzten Lippen (Schmollmund) sein, oder der schiefgelegte Kopf. Das Zusammenziehen und Senken der Augenbrauen ist genauso ein Hinweis wie das Hochziehen der Oberlippe.

Wir möchten den trauernden Menschen trösten, sein Leid verkleinern. Häufig tun wir das in unserer Hilflosigkeit mit Worten in Form von Floskeln oder Sprüchen. Es mag manch einem helfen, gleichzeitig trauen sich viele Unglücklichen nicht, zu widersprechen oder ihre tatsächliche Empfindung auszudrücken. Ob der Versuch des Mitfühlens gelungen ist, erkennen wir daran, ob wir Einwandsignale wahrnehmen. Zieht das Gegenüber im Gespräch mehrfach die Oberlippe hoch (ein Zeichen für die Emotion moralischer Ekel), können wir es ansprechen oder die Strategie ändern. Schweigen, Mitweinen oder einfach Zeit anbieten kann hilfreicher sein.

LW: Wie sollen Trauernde mit ihrer ganz persönlichen Trauer umgehen? Gibt es da ein Patentrezept, das für jeden passt?

Marlis Lamers: Grundsätzlich gilt am ehesten: „Hören Sie mehr auf Ihr Bauchgefühl!“ Trauer braucht Zeit. Haben Sie Geduld und sehen Sie die Individualität der Trauerverarbeitung. Was für Sie hilfreich sein kann, muss für Ihr Gegenüber nicht auch passen. Nehmen Sie sich zurück und lassen Sie den leidvollen Menschen die Marschrichtung und das Tempo angeben. Unsere Ungeduld ist oft durch die eigene Unfähigkeit, Leid auszuhalten, begründet.

LW: Vielen Dank, Marlis, für diesen Einblick, den wir durch Dich und Deine Arbeit erhalten konnten!

Ein Blogbeitrag von LEBENSDOMIZILE WELTWEIT im Rahmen des Aufrufs „Alle reden über Trauer 2019“ am 25. März, initiiert von Silke Szymura von www.in-lauter-trauer.de

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